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Gemeinsam handeln verbindet.

Vorurteile über Online-Kooperation

Über Kooperation online sind einige Annahmen verbreitet, die man in Besprechungen, in der Presse und im Kollegenkreis immer wieder hört. Viele stammen aus der Zeit, in der sehr viele Menschen plötzlich und unvorbereitet online arbeiten mussten, ohne gute Technik und ohne eingeübte Formen. Die Erfahrungen aus dieser Zeit sind echt. Die Schlüsse, die daraus gezogen werden, sind oft zu weit.

Die folgenden Annahmen verdienen deshalb eine sachliche Antwort. Wer sie vertritt, hat meist etwas Richtiges gesehen und es verallgemeinert. Dieser wahre Kern wird jeweils benannt.

„Online entsteht kein Vertrauen.“

Vertrauen entsteht aus Erfahrungen mit Verlässlichkeit: Zusagen werden eingehalten, Fehler werden eingestanden, Beiträge werden anerkannt. Diese Erfahrungen macht man online wie vor Ort. Die Forschung zu Teams, die nur online zusammenarbeiten, beschreibt ein Vertrauen, das sich rasch bildet, aber zerbrechlich bleibt, solange es nicht durch verlässliche Kommunikation bestätigt wird (Jarvenpaa/Leidner 1999). Eine Untersuchung zur Entwicklung von Vertrauen in computervermittelten Gruppen fand, dass es dort zunächst niedriger ausfiel, mit der Zeit aber aufholte (Wilson/Straus/McEvily 2006) [prüfen].

Der wahre Kern: Vertrauen braucht online am Anfang mehr bewusste Pflege, weil der Raum weniger beiläufig mitliefert. Wie diese Pflege aussieht, beschreibt die Gute Praxis.

„Online ist unpersönlich.“

Persönlich wird ein Gespräch, wenn man den anderen als diesen bestimmten Menschen erlebt, und dafür gibt ein Videogespräch manchmal mehr her als ein Besprechungsraum. Ein Videogespräch mit gutem Ton, großen Gesichtern und einer kurzen Runde zu Beginn kann sehr persönlich sein. Oft sieht man den anderen sogar in seiner eigenen Umgebung, mit dem Bücherregal, dem Blick aus dem Fenster. Familien, die über Länder hinweg regelmäßig miteinander sprechen, erleben das jede Woche.

Der wahre Kern: Große Runden ohne Leitung, mit abgeschalteten Kameras und schlechtem Ton, sind tatsächlich unpersönlich. Das lässt sich ändern (Live online).

„Ohne Anwesenheit wird weniger gearbeitet.“

Anwesenheit misst Anwesenheit, nicht Arbeit. Wer Leistung am Ergebnis bemisst, ist auf den Blick ins Büro nicht angewiesen. Eine randomisierte Studie in einem großen chinesischen Technologieunternehmen verglich Beschäftigte, die zwei Tage pro Woche von zu Hause arbeiteten, mit solchen, die immer im Büro waren. Über zwei Jahre fanden sich keine Unterschiede bei Leistungsbewertungen und Beförderungen, die Kündigungsrate in der Gruppe mit zwei Tagen zu Hause sank um rund ein Drittel (Bloom/Han/Liang 2024). Die Studie betrifft eine hybride Form, keine reine Online-Arbeit, und ein einzelnes Unternehmen. Sie zeigt aber, dass die Gleichung „weniger Anwesenheit, weniger Arbeit“ nicht aufgeht.

Der wahre Kern: Wo Aufgaben und Rollen unklar sind, fällt das online schneller auf. Das spricht für Klarheit, nicht gegen online.

„Kreativität braucht einen gemeinsamen Raum.“

Hier ist ein wahrer Kern belegt. In Laborexperimenten und einem Feldversuch in mehreren Ländern entwickelten Paare im Videogespräch weniger kreative Ideen als Paare im selben Raum. Bei der Auswahl der besten Idee fand sich dagegen kein Nachteil. Die Autoren erklären das damit, dass der Bildschirm den Blick verengt (Brucks/Levav 2022).

Daraus folgt nicht, dass Kreativität online nicht gelingt, sondern wie man sie organisiert. Ideen lassen sich zuerst allein und asynchron sammeln und dann gemeinsam live online auswählen und ausbauen. Und niemand muss beim Nachdenken in die Kamera schauen. Ein Gespräch nur mit Ton, beim Gehen, öffnet den Blick wieder.

„Online ist eine Notlösung aus der Pandemie.“

Kooperation online ist älter als die Pandemie. Freie Software, gemeinschaftlich geschriebene Nachschlagewerke, internationale Forschungsgruppen und das Fernstudium beruhen seit Jahrzehnten darauf. Auch das Recht kennt sie länger: Die Verhandlung per Bild- und Tonübertragung im Zivilprozess gibt es seit 2002, 2024 wurde § 128a ZPO neu gefasst. Die Pandemie hat online nicht erfunden, sondern vielen erstmals abverlangt.

Der wahre Kern: Was damals unter Druck und ohne Übung geschah, war oft wirklich eine Notlösung. Die Form ist es nicht.

„Man muss sich einmal persönlich getroffen haben.“

Notwendig ist ein Treffen vor Ort nicht. Lesekreise, Arbeitsgruppen und Freundschaften bestehen über Jahre, ohne dass sich alle Beteiligten je im selben Raum begegnet sind. Was das erste Treffen leisten soll, nämlich einander ohne Zweck kennenzulernen, lässt sich auch online schaffen: mit einem ersten Videogespräch ohne Tagesordnung, mit einer Runde, in der jeder etwas von sich erzählt, oder mit einem gemeinsamen Spiel.

Der wahre Kern: Ein gutes Treffen kann Vertrauen beschleunigen. Es ist eine Gelegenheit, keine Bedingung.

„Online ist anstrengender.“

Viele kennen die Müdigkeit nach einem Tag mit Videogesprächen. Sie ist real, hat aber erkennbare Ursachen: zu viele und zu lange synchrone Termine ohne Pause, schlechter Ton, der ständiges Nachhören verlangt, das eigene Bild, das man ungewollt die ganze Zeit betrachtet. Wer den Anteil asynchroner Arbeit erhöht, auf den Ton achtet, Pausen einplant und die Selbstansicht ausblendet, erlebt online anders.

Der wahre Kern: Online verzeiht schlecht geplante Tage weniger als das Büro, in dem man zwischen zwei Terminen wenigstens den Raum wechselt.

Was bleibt

Fast jedes dieser Vorurteile beschreibt eine schlecht gemachte Online-Kooperation richtig. Es hält nur die Ausführung für die Form. Darin liegt sein Nutzen: Es zeigt, worauf es bei der Ausführung ankommt. Mehr dazu unter Online und vor Ort.

Quellen

  • Jarvenpaa, Sirkka L./Leidner, Dorothy E., Communication and Trust in Global Virtual Teams, Organization Science 10 (1999), 791–815.
  • Wilson, Jeanne M./Straus, Susan G./McEvily, Bill, All in due time: The development of trust in computer-mediated and face-to-face teams, Organizational Behavior and Human Decision Processes 99 (2006), 16–33.
  • Bloom, Nicholas/Han, Ruobing/Liang, James, Hybrid working from home improves retention without damaging performance, Nature 630 (2024), 920–925, doi:10.1038/s41586-024-07500-2.
  • Brucks, Melanie S./Levav, Jonathan, Virtual communication curbs creative idea generation, Nature 605 (2022), 108–112, doi:10.1038/s41586-022-04643-y.

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