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Gemeinsam handeln verbindet.

Der Klick und seine Bedingungen

Gelingende Kooperation zeigt sich oft in einem Augenblick, in dem das Zusammenspiel auf einmal von selbst läuft. Herstellen lässt sich dieser Klick nicht, aber man kann seine Bedingungen pflegen.

Das Phänomen

Zwei Menschen tragen einen Schrank durchs Treppenhaus. Eine Weile rufen sie „links“, „warte“, „absetzen“. Dann, zwei Treppenabsätze weiter, geht es von selbst: Jeder spürt am Gewicht, was der andere gleich tut. Musiker kennen denselben Moment in der Probe, Spieler im Spiel, eine Arbeitsgruppe in der Sitzung, in der ein Gedanke den nächsten gibt.

Das geschieht nicht allmählich, sondern auf einen Schlag. Deshalb spricht diese Seite vom Klick. Wer ihn erlebt hat, beschreibt ihn ähnlich: Die Anstrengung tritt zurück, die Aufmerksamkeit wird weit, und die eigene Leistung fühlt sich zugleich größer und weniger eigen an.

Die Psychologie hat dafür Begriffe. Mihaly Csikszentmihalyi hat das Erleben völliger Versunkenheit in eine Tätigkeit als Flow beschrieben. Keith Sawyer, der Jazz-Ensembles und Improvisationstheater untersucht hat, spricht von group flow. Die Begriffe benennen das Phänomen, sie erklären noch nicht, woher es kommt. Die Forschung zum Flow in Gruppen ist jung, und ihre Messinstrumente sind es auch.

Das gemeinsame Dritte

Auffällig ist, wohin die Beteiligten im Augenblick des Klicks schauen: nicht aufeinander, sondern auf etwas Drittes. Die beiden im Treppenhaus achten auf den Schrank, die Musiker auf das Stück, die Arbeitsgruppe auf die Sache. Das Gemeinsame liegt nicht zwischen den Personen, sondern vor ihnen.

Die Entwicklungspsychologie zeigt, wie früh das beginnt. Um den ersten Geburtstag herum, etwa zwischen neun und fünfzehn Monaten, verbinden Kinder zum ersten Mal einen anderen Menschen und einen Gegenstand in einer gemeinsamen Aufmerksamkeit: Sie schauen, ob die Mutter auch den Ball sieht. Michael Tomasello und seine Leipziger Forschungsgruppe sehen in dieser geteilten Aufmerksamkeit den Ausgangspunkt menschlicher Kooperation und Kultur.

Das gemeinsame Dritte entlastet. Wer sich auf die Sache richtet, muss nicht ständig prüfen, wie er bei den anderen ankommt. Gerade dadurch entsteht eine Nähe, die man nicht erzwingen kann, wenn man sie direkt sucht.

Zweckfreie Freude

Der Klick bringt eine eigentümliche Freude mit sich. Sie hängt nicht am Ergebnis. Eine Band kann eine Probe, in der es geklickt hat, als die beste des Jahres erinnern, obwohl kein einziges Stück fertig geworden ist. Die Freude gilt dem Zusammenspiel selbst. Experimente zeigen, dass Flow mit anderen mehr Freude macht als Flow allein, und umso mehr, je stärker man aufeinander angewiesen ist.

Wer diese Freude einmal mit anderen geteilt hat, sieht sie danach oft anders. Er hat erlebt, dass sie mitgehen, wenn es darauf ankommt. Hier liegt die Verbindung zum Spiel, in dem die zweckfreie Freude ihre reinste Form hat.

Lässt sich der Klick begünstigen?

Man kann den Klick nicht anordnen. Wer ihn in einer Sitzung zum Ziel erklärt, verhindert ihn meist. Er ähnelt dem Einschlafen: Man kann es nicht wollen, man kann nur die Umstände herstellen, unter denen es geschieht.

Daraus folgt keine Beliebigkeit. Der Klick kommt seltener, wenn die Rollen unklar sind, wenn einer dominiert oder wenn niemand die Sache kennt. Er kommt häufiger, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind. Diese Voraussetzungen lassen sich beschreiben, üben und in der Gestaltung einer Kooperation berücksichtigen.

Die Bedingungen

Die folgenden vierzehn Bedingungen sind aus Erfahrung gesammelt, im Lesekreis, im Unterricht und im Spiel, und mit der Forschung abgeglichen. Zum Klick selbst gibt es erst wenig Forschung. Die meisten Punkte stützen sich auf Befunde aus Nachbarfeldern: Flow, Teamforschung, Kooperationsforschung und Entwicklungspsychologie. Wo ein Befund umstritten ist, steht es dabei. Keith Sawyer ist bei Improvisationsensembles zu einer ähnlichen Liste gekommen.

Die Sache

  1. Ein gemeinsames Drittes. Man schaut nicht einander an, sondern gemeinsam auf etwas: ein Spiel, einen Text, eine Rede, ein Werk. Wer weiß, dass andere zugleich auf dasselbe achten, nimmt es intensiver wahr und behält es besser (Shteynberg 2015).
  2. Ein klares Ziel, eine passende Schwierigkeit. Alle wissen, worum es geht, und sehen bald, ob es gelingt. Die Aufgabe fordert alle, überfordert aber keinen. Beides gehört zu den am besten belegten Bedingungen des Flow (Fong, Zaleski & Leach 2015). Rückmeldung hilft, wenn sie der Sache gilt. Richtet sie die Aufmerksamkeit auf die Person, schadet sie oft mehr, als sie nützt (Kluger & DeNisi 1996).
  3. Echte Abhängigkeit. Allein gelingt es nicht, und jeder Beitrag ist sichtbar. Halbe Abhängigkeit, bei der jeder zugleich für sich spielt, wirkt schlechter als klare Arbeitsteilung oder echtes Zusammenspiel (Wageman 1995).

Das Zusammenspiel

  1. Echtzeit und Rhythmus. Alle handeln gleichzeitig und reagieren aufeinander, wie Musiker, die einander hören. Dass gemeinsamer Rhythmus verbindet, ist vielfach beobachtet worden (Mogan, Fischer & Bulbulia 2017). Wie stark der Effekt ist, wird gegenwärtig kritisch diskutiert (Atwood, Schachner & Mehr 2022).
  2. Zuhören und weiterbauen. Man greift auf, was der andere gesagt hat, statt auf die Gelegenheit für den eigenen Gedanken zu warten. Im Improvisationstheater heißt das „Ja, und …“. Sawyer zählt genaues Zuhören und das Weiterführen des Gehörten zu den Kernbedingungen des group flow (Sawyer 2007).
  3. Die Stimme. Gesprochenes verbindet stärker als Geschriebenes: Man hört, dass da jemand denkt und fühlt. Ein Bild dazu bringt oft weniger, als man erwartet (Kumar & Epley 2021; Schroeder, Kardas & Epley 2017).
  4. Eine gemeinsame Sprache. Kurze Zurufe, Rollen und Begriffe, die jeder versteht, sparen Worte und stiften Zugehörigkeit. Teams, die ein gemeinsames Verständnis ihrer Aufgabe teilen, arbeiten nachweislich besser zusammen (DeChurch & Mesmer-Magnus 2010). Die Sprache darf nur keine Geheimsprache werden, die Neue ausschließt.
  5. Anerkennung im Moment. Ein „Nice shot“ im richtigen Augenblick, für alle hörbar und bezogen auf das, was gelungen ist. In Spielerteams, die zusammenhalten, folgt auf einen Fehler eher Ermutigung als Vorwurf (Tan u. a. 2022). Schon ein kurzer Dank macht die Bereitschaft, wieder zu helfen, deutlich größer (Grant & Gino 2010).

Die Beziehung

  1. Vertrauensvorschuss. Man kommt über Freunde oder eine Gemeinschaft hinein und muss nicht bei null anfangen. Dieser Vorschuss hält, wenn er bald durch verlässliches Handeln eingelöst wird. Sonst zerfällt er schnell (Meyerson, Weick & Kramer 1996; Jarvenpaa & Leidner 1999).
  2. Ein seltenes gemeinsames Interesse. Wer freiwillig Hegel liest oder übt, öffentlich zu reden, teilt mit den anderen etwas Ungewöhnliches. Seltene Gemeinsamkeiten verbinden stärker als verbreitete (Alves 2018).
  3. Verletzlichkeit, billiges Scheitern. Man zeigt Unfertiges, etwa eine tastende Deutung oder eine unsichere Rede, und wird dafür nicht bloßgestellt. Ein Fehlversuch kostet wenig, und die nächste Runde beginnt neu. Teams, in denen das sicher ist, lernen mehr (Edmondson 1999). Was sich von innen wie Schwäche anfühlt, erleben die anderen oft als Mut (Bruk, Scholl & Bless 2018).
  4. Zweckfreie Freude. Es gibt unbeschwerte Zeit ohne Ziel und Nutzen, in der man miteinander lacht. Gemeinsames Lachen setzt körpereigene Opioide frei und macht es leichter, sich zu öffnen (Manninen u. a. 2017; Gray, Parkinson & Dunbar 2015). Verordneter Spaß ist aber keiner. Wo Spaß von oben angeordnet wird, entsteht eher Zynismus (Fleming 2005).

Der Rahmen

  1. Ein offener Raum und ein Wiedersehen. Man ist beiläufig zusammen, kann gehen und wiederkommen und nimmt am Alltag der anderen teil. Online ersetzt ein solcher Raum den Flur, die Küche, die offene Tür. Mizuko Ito hat für enge Beziehungen von „ambient virtual co-presence“ gesprochen (Ito & Okabe 2005). Wer weiß, dass man sich wiedersieht, kooperiert heute eher. Robert Axelrod nennt das den Schatten der Zukunft (Axelrod 1984; Dal Bó 2005).
  2. Faire Regeln. Der Rahmen gilt für alle gleich, ist durchschaubar und wird möglichst von denen mitgestaltet, für die er gilt. Für den Streitfall gibt es ein faires Verfahren. Das ist das Recht im weiten Sinn. Menschen tragen Regeln vor allem dann mit, wenn sie das Verfahren für fair halten, in dem die Regeln entstehen und angewandt werden (Tyler 1990). Gemeinschaften, die ihre Regeln selbst gestalten und Streit einfach schlichten können, bestehen oft über Generationen (Ostrom 1990).

Die Liste wird weiterentwickelt.

Ein Beispiel

Ein Lesekreis liest seit Monaten einmal in der Woche live online einen schwierigen philosophischen Text. Die meisten Abende sind Arbeit: Satz für Satz, mit Rückfragen, mit Umwegen.

An einem Abend verändert sich etwas. Eine Teilnehmerin schlägt eine Lesart vor, ein anderer greift sie auf und wendet sie auf den nächsten Absatz an, ein Dritter findet die Stelle, an der sie nicht mehr trägt. Für eine halbe Stunde arbeitet jeder mit dem Satz des Vorredners weiter, statt ihn zu kommentieren. Alle schauen auf den Text, niemand auf sich selbst.

Mehrere Bedingungen kommen hier zusammen: das gemeinsame Dritte, das seltene Interesse, eine tastende Lesart, die niemand belächelt, das Weiterbauen am Gedanken des anderen. Dass die Beteiligten an verschiedenen Orten vor ihren Bildschirmen sitzen, spielt in diesem Augenblick keine Rolle. Der Klick braucht keinen gemeinsamen Raum.

Was das für das Recht bedeutet

Das Recht kennt den Klick nicht, und es kann ihn nicht erzeugen. Kein Vertrag verpflichtet zu gelingendem Zusammenspiel. Das Recht kann aber einen Teil der Bedingungen sichern, unter denen er möglich wird: verlässliche Zusagen, klare Rollen und Zuständigkeiten, Vertraulichkeit, faire Verfahren für den Streitfall.

Wer eine Kooperation rechtlich gestaltet, sollte deshalb nicht nur fragen, was geschuldet ist. Er sollte auch fragen, ob die Regeln Raum lassen für das, was sich nicht schulden lässt. Ein Vertrag, der jeden Handgriff festlegt, lädt dazu ein, nur noch den Handgriff zu schulden. Das Mitdenken, aus dem der Klick kommt, wird dann Privatsache.

Weiterlesen

Literatur

  • Alves, H. (2018): Sharing Rare Attitudes Attracts. Personality and Social Psychology Bulletin 44.
  • Atwood, S., Schachner, A. & Mehr, S. A. (2022): Expectancy Effects Threaten the Inferential Validity of Synchrony-Prosociality Research. Open Mind 6.
  • Axelrod, R. (1984): The Evolution of Cooperation. New York.
  • Bruk, A., Scholl, S. G. & Bless, H. (2018): Beautiful Mess Effect. Journal of Personality and Social Psychology 115.
  • Carpenter, M., Nagell, K. & Tomasello, M. (1998): Social Cognition, Joint Attention, and Communicative Competence from 9 to 15 Months of Age. Monographs of the Society for Research in Child Development 63.
  • Csikszentmihalyi, M. (1990): Flow. The Psychology of Optimal Experience. New York.
  • Dal Bó, P. (2005): Cooperation under the Shadow of the Future. American Economic Review 95.
  • DeChurch, L. A. & Mesmer-Magnus, J. R. (2010): The Cognitive Underpinnings of Effective Teamwork. Journal of Applied Psychology 95.
  • Edmondson, A. (1999): Psychological Safety and Learning Behavior in Work Teams. Administrative Science Quarterly 44.
  • Fleming, P. (2005): Workers‘ Playtime? Boundaries and Cynicism in a „Culture of Fun“ Program. Journal of Applied Behavioral Science 41.
  • Fong, C. J., Zaleski, D. J. & Leach, J. K. (2015): The Challenge–Skill Balance and Antecedents of Flow. The Journal of Positive Psychology 10.
  • Grant, A. M. & Gino, F. (2010): A Little Thanks Goes a Long Way. Journal of Personality and Social Psychology 98.
  • Gray, A. W., Parkinson, B. & Dunbar, R. I. M. (2015): Laughter’s Influence on the Intimacy of Self-Disclosure. Human Nature 26.
  • Ito, M. & Okabe, D. (2005): Technosocial Situations. In: Ito, M., Okabe, D. & Matsuda, M. (Hg.), Personal, Portable, Pedestrian. Cambridge, Mass.
  • Jarvenpaa, S. L. & Leidner, D. E. (1999): Communication and Trust in Global Virtual Teams. Organization Science 10.
  • Kluger, A. N. & DeNisi, A. (1996): The Effects of Feedback Interventions on Performance. Psychological Bulletin 119.
  • Kumar, A. & Epley, N. (2021): It’s Surprisingly Nice to Hear You. Journal of Experimental Psychology: General 150.
  • Manninen, S. u. a. (2017): Social Laughter Triggers Endogenous Opioid Release in Humans. Journal of Neuroscience 37.
  • Meyerson, D., Weick, K. E. & Kramer, R. M. (1996): Swift Trust and Temporary Groups. In: Kramer, R. M. & Tyler, T. R. (Hg.), Trust in Organizations. Thousand Oaks.
  • Mogan, R., Fischer, R. & Bulbulia, J. A. (2017): To Be in Synchrony or Not? Journal of Experimental Social Psychology 72.
  • Ostrom, E. (1990): Governing the Commons. Cambridge.
  • Sawyer, K. (2007): Group Genius. The Creative Power of Collaboration. New York.
  • Schroeder, J., Kardas, M. & Epley, N. (2017): The Humanizing Voice. Psychological Science 28.
  • Shteynberg, G. (2015): Shared Attention. Perspectives on Psychological Science 10.
  • Tan, E. T. S. u. a. (2022): Communication Sequences Indicate Team Cohesion. Proceedings of the ACM on Human-Computer Interaction 6 (CHI PLAY).
  • Tomasello, M. u. a. (2005): Understanding and Sharing Intentions. Behavioral and Brain Sciences 28.
  • Tyler, T. R. (1990): Why People Obey the Law. New Haven.
  • Wageman, R. (1995): Interdependence and Group Effectiveness. Administrative Science Quarterly 40.
  • Walker, C. J. (2010): Experiencing Flow: Is Doing It Together Better than Doing It Alone? The Journal of Positive Psychology 5.